HRP 2016

Manchmal kommt es anders als geplant

Nach gut einem Jahr der Vorbereitung mussten wir unsere für diesen Spätsommer angesetzte Island Traverse leider witterungsbedingt absagen. Der Urlaub war jedoch schon genommen, die Ausrüstung gepackt und startbereit. Ein neues Ziel musste her.

Der HRP als Alternative

Hannah schlug schließlich die Haute Route Pyrénéenne, einen 800 km langen Fernwanderweg in den Pyrenäen vor. Die Planung beschränkte sich auf wenige Wochen. Für die Anreise erklärten sich Willi und Uwe kurzerhand bereit ihren Motoradurlaub ebenfalls in den Pyronäen zu verbringen und uns samt Rucksäcken an den Startpunkt in Banyuls-sur-Mer zu bringen.

Tagebuch

Anreise Tag 1

  • 45.38218°, 4.74134°, 141m
  • 18/09/2016

So fängt es also an

Nach leichten Verzögerungen sind wir nun heute Morgen in Richtung Mittelmeer gestartet. Die Stunden im Auto habe ich dazu genutzt, unseren Reiseblog halbwegs in die neue Webseite zu integrieren, damit auch alle Daheimgebliebenen uns bei diesem neuen Abenteuer begleiten können. Deutschland und Luxemburg haben wir schnell hinter uns gelassen. Die Straßen sind frei, das Wetter ist trüb. Die französischen Landstraßen sind zwar kurvenreich und landschaftlich schön, jedoch kann man hier kaum die verlorene Zeit vom Morgen gut machen und so entschließen wir uns doch dazu, auf die Autobahn auszuweichen.

Südlich von Lyon versuchen wir schließlich im Dunkeln einen Campingplatz an der Rhône zu finden. Winzige Straßen und schlechtes Wetter lassen die Nerven etwas blank liegen, aber wir haben Glück. Ein freundlicher Platzwart öffnet uns zu später Stunde noch die Schranke. Müde geht es ins Bett bzw. wir quetschen uns auf die Sitzbank und versuchen etwas Schlaf nachzuholen.

Anreise Tag 2

  • 42.477°, 3.11974°, 11m
  • 19/09/2016

Endlich in den Pyrenäen

Nach weiteren 9 Stunden im Auto und einer unermesslichen Anzahl von Kreisverkehren sind wir nur noch einen Kilometer vom Startpunkt, dem Strand/Rathaus von Banyuls-sur-Mer, entfernt.

Morgen früh geht es noch zur Post, wo unsere Vorräte aufgegeben werden. Diese werden dann postlagernd bei Etappe 9 wieder auf uns warten. Danach geht es dann endlich auf den HRP.

Ein 800 km langes und mit 45.000 Höhenmetern auch sehr anstrengendes Abenteuer kann beginnen.

Tag 1

  • 42.32433°, 2.94531°, 1238m
  • 21/09/2016

Von Null auf 1400

Keine 100 Meter unterwegs und schon sind wir falsch abgebogen. Ein kleiner Umweg und die freundliche Hilfe eines Autofahrers bringen uns dann endlich auf den richtigen Weg. Kaum raus aus der Ortschaft geht es auch schon steil bergauf durch die Weinberge, welche später von Olivengärten abgelöst wurden. Ein Grat bringt uns auf über 1000m und macht eine erste Ansage an die Oberschenkel. Am ersten Gipfel wandelt sich die Landschaft. Die Bäume sind verschwunden und der Wind frischt auf. Entlang des Hauptgrates geht es über mehrere kleinere Gipfel in einen Buchenwald und auf einen leicht bewaldeten Pass, wo wir im Windschatten unser Lager aufschlagen. Die Nacht gestaltet sich sehr unruhig, da der Wind bis zum Morgen anhält und unser Zelt kräftig durchschüttelt.

Tag 2

  • 42.45585°, 2.85396°, 320m
  • 21/09/2016

Nach der kurzen Nacht gibt es erstmal einen Tee, um dem kalten Wind etwas entgegenzusetzen. Das eigentliche Frühstück verschieben wir auf später. Die erste Hütte auf dem HRP verdient diesen Namen eigentlich nicht. Wir sind froh unser Zelt zu haben und nicht auf solche Behausungen angewiesen zu sein. An einer Tiertränke füllen wir unsere Flaschen auf. Wasser ist in den Pyrenäen absolute Mangelware. Danach der erste kraftraubende Aufstieg des Tages. Weiter geht es entlang des Grenzzauns und wir verlassen, unserem Führer folgend zum ersten Mal den GR10 um ein wenig abzukürzen. Prompt verlaufen wir uns in einem Wald und versuchen über Wildpfade und auf Peilung laufend den Hauptpfad wieder zu finden. Erleichterung macht sich breit, als dieser nach einiger Kraxelei wieder in Sichtweite kommt. Auf den Schreck machen wir eine ausgedehnte Pause und kochen eine Kleinigkeit. Danach setzen wir den Abstieg nach Le Perthus fort. Der Weg wird von einem Steig zu einem Feldweg und wir können etwas mehr Tempo gehen als am Vormittag. Wir finden eine Quelle, die aus dem angrenzenden Hang plätschert und füllen unsere Flaschen ein weiteres Mal. Der Asphalt in Le Perthus setzt unseren müden Füßen sehr zu. Es wird Zeit, sich einen geeigneten Schlafplatz zu suchen. Am Ende des Ortes geht es wieder in den Wald und eine Stunde später finden wir ein verfallenes Haus in dessen Garten wir unser Zelt aufschlagen. Wenige Schritte entfernt ist eine alte Burgruine, in der sich später noch weitere Wanderer niederlassen. Die Abenddämmerung reicht noch für eine warme Mahlzeit, danach geht es ins Bett. Kein Wind, nur Zikaden und die entfernte Autobahn sind zu hören. Die Isomatte liegt absolut eben. Das könnte die erste erholsame Nacht dieser Woche werden.

Tag 3

  • 42.41152°, 2.7687°, 890m
  • 22/09/2016

Druckstellen in Spanien

Den guten Schlafplatz nutzen wir ausgiebig, bevor es dann gegen 9 Uhr wieder auf den Pfad geht. Wir laufen einen alten verwaisten Weg, der früher einmal zum GR10 gehört hat, auf dessen neuen Verlauf wir dann später wieder stoßen. Danach geht es einen Feldweg entlang immer bergauf für gute drei Stunden. Am Gipfel gönnen wir uns eine kleine Pause. Unsere Wasservorräte gehen mehr und mehr zu neige. Wir passieren eine Nudisten Gemeinde, die inmitten den Pyrenäen einen kleinen Hof mit Garten bestellen und folgen dann leider etwas unaufmerksam den weiß-roten Markierungen des GR10 bis hinunter zur D13. Diese laufen wir Richtung Süden und erwarten nach einigen hundert Metern eigentlich den kleinen Ort Las Illas, können ihn jedoch nicht finden. Uns beschleichen Zweifel, ob wir der Straße in die richtige Richtung gefolgt sind und kehren um. Das Wasser ist alle und die Sonne steht sengend über uns. Auch in die andere Richtung können wir keine Ortschaft entdecken und stoppen ein Auto, um nach dem Weg zu fragen. "Las Illas liegt in die andere Richtung. Mit dem Auto gut 10 Minuten". Nun folgt eine mühselige Durststrecke entlang der asphaltierten Straße zurück dorthin, wo wir schon waren und noch einige Kilometer weiter. Später stellt sich heraus, dass wir viel zu weit nördlich auf die Straße gestoßen waren. Las Illas bietet Wanderern alles was das Herz begehrt. Am Dorfplatz gibt es Trinkwasser, an dem wir uns reichlich bedienen, schattige Bänke, Toiletten und sogar eine Dusche. Ein Dorfbewohner heißt uns herzlich willkommen und wir ruhen uns erst einmal aus. Am späten Nachmittag steigen wir auf zum Pass Col de Lli, der im Spanischen Bürgerkrieg als Fluchtweg von Katalanen genutzt wurde. Am Ortsausgang befindet sich noch ein kleines Hotel mit Gaststätte, vor dem einige Wandersleute bereits ihr Feierabendbier genießen, ein paar Witze machen und uns den Weg erklären. Ab dem Pass geht es weiter in Spanien. Nach der Grenzüberquerung folgt noch ein letzter schweißtreibender Aufstieg. Der sich anschleichenden Unterzuckerung wird mit einem Riegel Schokolade entgegengewirkt. Wir nehmen einen kleinen Seitenweg und klettern über Felsen zu einer alten Burgruine und genießen dort die Aussicht und den sich ankündigenden Sonnenuntergang. An Zelten ist hier nicht zu denken und wir kehren zurück auf den Weg. Flache Flächen sind rar, da der Grat zu beiden Seiten hin steil abfällt. Doch wir haben Glück. Nahe einer Gedenktafel ist der Boden eben und wir können unser Lager noch aufschlagen, bevor es dunkel wird. Bei der abendlichen Fußinspektion zeigen sich die ersten schmerzhaften Druckstellen. Blasenpflaster und ein Wechsel der Socken sollen morgen Abhilfe schaffen. Wir gruseln uns jetzt noch ein bisschen vor den Tieren im Wald, die immer mal wieder zu hören aber nicht zu sehen sind.

Tag 4

  • 42.44192°, 2.65702°, 892m
  • 24/09/2016

Soweit wie es geht und dann noch ein Stück weiter

Der Tag beginnt mit dem ersten Licht, das durch die Zeltwand fällt. Frühes Morgengrauen lässt es zunächst von innen rot, bei etwas mehr Licht dann gelb erscheinen. Wir bauen schnell unser Lager ab, damit wir nicht doch noch von einem übereifrigen Ranger beim Zelten erwischt werden.

Gestärkt mit Haferbrei und Tee machen wir uns auf den Weg zum nächsten Pass. Es geht weiter entlang des Forstwegs, an dem wir übernachtet hatten, bis wir schließlich rechts wieder auf den GR10 gelangen und diesen einen kleinen Pfad entlang durchs Unterholz folgen. An einem Rinnsal füllen wir einen Teil der Flaschen auf. Zum Kochen sollte das Wasser ausreichen und einen Wassermangel wie gestern gilt es zu vermeiden. Während wir uns über eine Wegunklarheit beraten, holt uns ein Wanderer aus Perpignan ein, der einen Tagesausflug zum Gipfel macht. Er kennt die Gegend recht gut und möchte wissen, wo denn unser heutiges Ziel sei? Zum Ecogite de la Palette kennt er eine Abkürzung, die uns gut eine Stunde sparen könnte. Wenig später erreichen wir das Refuge de la Salines, eine alte, in eine Herberge umgebaute, Kirche, an der es eine ergiebige Quelle mit Brunnen gibt. Wir nutzen die Gelegenheit, unser Geschirr, in dem sich schon diverse Geschmacksrichtungen überlagern, gründlich zu spülen. Haare und ein Teil der Kleidung werden auch gewaschen. Der Aufstieg zum nächsten Pass ist schweißtreibend und verläuft zu meiner Erleichterung im Schatten. Nach einer kurzen Verschnaufpause nehmen wir eine Variante des HRP und verlassen den GR10, um den angrenzenden Gipfel zu besteigen und von dort entlang des Grates weiter zu laufen. Der Weg stellt sich als extrem steil heraus und verlangt mir viele kleine Pausen ab. Auf dem Gipfel steht eine Sendestation, die den ansonsten großartigen Ausblick etwas trübt. Der Grat ist ausgesprochen felsig und entwickelt sich zu einer schwierigen Kletterpartie. Als diese gemeistert ist, stoßen wir wieder auf den GR10 und steigen ihm folgend durch den Wald wieder einige hundert, der mühsam erklommenen Höhenmeter ab. Eine im Führer beschriebene Quelle ist bis auf etwas feuchte Erde versiegt. Das Mittagessen fällt kurz aus, da sich im Nachbartal ein Gewitter zusammenbraut. Der Abstieg zum nächsten Pass fordert unseren Knien einiges ab. Dort angekommen ist die Beschilderung widersprüchlich, die versprochene Abkürzung scheint über ein privates Grundstück zu gehen und wird als Sackgasse beschrieben. Mit dem Gewitter im Rücken wollen wir keinen Umweg in Kauf nehmen und umlaufen den vor uns liegenden Berg nördlich entlang der markierten Route. Es geht weiter ins Tal zu Montalba einer alten, teils verlassenen, Kirche mit kleiner Quelle und von dort nochmal eine Stunde zu unserem Ziel. Kurz bevor wir ankommen holt uns der Regen ein und wir schaffen es gerade noch ohne Kleidungswechsel in die kleine, offene Gemeinschaftsküche. Bei Tee und Nudeln lernen wir die anderen Gäste etwas besser kennen. Zwei Französinnen, mit viel zu schweren Rucksäcken und einen Israeli mit französischen Wurzeln, der mit sehr leichtem Gepäck seit 9 Tagen von Andorra hierhin unterwegs war. Der Abend endet bei Tee und Kartenspiel. Im Zelt begutachte ich meine Druckstellen, die einen schlimmen Eindruck machen. Notdürftig verarztet geht es ins Bett. Für morgen haben wir uns ein Frühstück gebucht auf das wir uns freuen. Morgen wird definitiv eine kürzere Etappe.

Tag 5

  • 42.48092°, 2.57815°, 763m
  • 24/09/2016

Abenteuer Toilettengang

Die Toiletten an sich waren kein Abenteuer, jedoch als ich gegen Mitternacht noch einmal raus musste, höre ich auf halber Strecke etwas im Gebüsch rascheln. Ich drehe mich um und im Lichtkegel meiner Stirnlampe steht ein Wildschwein wie angewurzelt. Es zögert einen Moment und stürmt dann auf mich los. Da ich davon ausging, jetzt attackiert zu werden habe ich laut aufgeschrieen und bin beim Versuch auszuweichen einen kleinen Hügel hinunter gestürzt. Hierbei habe ich mir meine Hand etwas lädiert und zu allem Überfluss auch noch meine Lampe vom Kopf verloren. Bis ich diese wieder hatte war der Spuk auch schon vorbei. Ich stand wohl genau im Fluchtweg zurück in den Wald. Der Rest der Nacht verlief dann ruhig.

Das Frühstück ist nichts ausgefallenes und seinen Preis nicht wert. Die beiden Französinnen sind mit dem Sonnenaufgang schon in ihre nächste Etappe gestartet. Am Frühstückstisch gesellen sich noch zwei Däninnen zu uns, die sich eines der Zimmer gemietet hatten.

Nach der ersten warmen Dusche seit Beginn der Reise werden meine Füße ordentlich verarztet und für den Tag präpariert. Ein erneutes Verrutschen der Blasenpflaster soll mit Tape verhindert werden. Dazu wird ein dünnes Paar Socken unter die dicken angezogen, um das Scheuern zu reduzieren. Mit dem Abbau des Zeltes lassen wir uns Zeit, da nachts die Feuchtigkeit ins Tal gekrochen ist und wir erst warten wollen bis Wind und Sonne diese wieder aus unseren Sachen vertreiben. Am späten Vormittag machen wir uns dann auf den Weg nach Arles-sur-Teck. Nach einem eineinhalb stündigen Aufstieg folgt ein langer, Zehen und Knie zerstörender Abstieg zurück auf 200 Höhenmeter. Unten im Ort angekommen warten wir vor einer alten Kirche, dass der gegenüberliegende Spar-Markt wieder öffnet. Wir füllen die nötigsten Lebensmittel wieder auf und gönnen uns ein etwas umfangreicheres Mittagessen aus Baguette und Käse, dazu einen Apfel.

Nachdem wir in den unübersichtlichen Gassen den markierten Weg wieder gefunden haben, geht es erneut hoch in die Berge. Zunächst durch einen Wald, später dann über blanken Granit. Der Pfad lässt sich sehr angenehm laufen und wir bewältigen schneller als erwartet einem Höhenunterschied, vor dem es uns vorher gegraust hat. Parallel zur Strecke stehen die Überreste einer alten Seilbahn, mit der seinerzeit wohl Eisenerz ins Tal befördert wurde. Wieder braut sich um uns herum schlechtes Wetter zusammen, jedoch fällt kein Tropfen Regen. Aus Angst vor einem möglichen Gewitter machen wir noch ein paar extra Kilometer, um eine eingezeichnete Hütte zu erreichen. Auf dem Weg dorthin finden wir ein Schild, welches eine Herberge mit ähnlich klingenden Namen ausweist und wir folgen ihm. Wie sich später herausstellt, handelt es sich nicht um die von uns gesuchte Hütte, sondern um ein wunderschönes restauriertes Farmhaus aus dem 16. Jahrhundert, das von einem Ehepaar bewirtschaftet wird. Zwei Hunde und eine 20 Jahre alte Katze streunen ebenfalls über den Hof. Die Aussicht auf die Bergkette ist wunderschön, doch die einsetzende Dunkelheit verschluckt sie leider schnell. Wir entspannen etwas in der offenen Küche und unterhalten uns. Auf dem Weg zum Zelt können wir das erste Mal den klaren Nachthimmel und die Milchstraße bewundern.

Links zu dieser Etappe

Tag 6

  • 42.60113°, 2.5228°, 1738m
  • 25/09/2016

Fast wie in Norwegen

Wir sind rechtzeitig auf den Beinen, um uns den Sonnenaufgang über dem Tal anzusehen. Die Nacht war ruhig bis auf eine kurze Unterbrechung, in der uns vermutlich ein kreischender Vogel aus dem Schlaf riss. Es gibt eine warme Dusche und ein Frühstück im Sonnenschein. Guy entdeckt eine große gelb-weiß gestreifte Spinne und ist in heller Aufregung. Nachdem diese auf jede mögliche Weise dokumentiert wurde bekommen wir von Catherine noch eine Führung durch das Haus. Zurück auf dem Pfad erreichen wir nach kurzem die eigentliche Hütte. Wobei es mehr eine ausgebrannte alte Halle ist, in der ein wortkarger Einsiedler sein Lager aufgeschlagen hat. Hier würde ich mich höchstens bei Regen unterstellen, aber niemals schlafen. Der Pfad wird flacher und wir werden von einem Hund eingeholt, der ein GPS Halsband trägt und eine ganze Weile mit uns geht, bevor man aus weiter Ferne den Besitzer rufen hört und er unter Jaulen zurück läuft. Die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel. Die Vegetation spendet kaum Schatten und so läuft mir der Schweiß immer wieder in die Augen. Wir passieren wieder eine kleine Kommune, die sich hier oben niedergelassen hat, und deren Autofriedhof. Ab hier geht es wieder über Granit und Geröll den Berg hinauf. Ich freue mich über Wolken, die sich vor die Sonne schieben ohne zu ahnen, welches Unwetter schon im Anmarsch ist. Auf dem Pass fallen die ersten Tropfen und wir legen unsere Regenjacken an unter denen man bei Bewegung ziemlich ins Schwitzen kommt. Die Herberge, welche sich in einer alten verlassenen Bergarbeitersiedlung befindet, ist schon geschlossen. Wir essen eine Kleinigkeit und warten den Schauer ab. Die Wolken ziehen hier bereits dicht über unseren Köpfen ins Tal. Wieder im Aufstiegt treffen wir auf eine Schafherde. Während wir diese passieren lassen setzt der Regen wieder ein, dazu zieht der Wind kräftig an. In kürzester Zeit sind wir sehr durchnässt. Die wasserabweisende Wirkung meiner Hose hält dem nicht stand. Mit Donner macht sich das herangezogene Gewitter bemerkbar und wir flüchten uns bergauf an die Mauern einer Ruine, die den Wind und Regen etwas abhält. Zurück oder doch hoch zum nächsten Pass? Wir sprechen uns Mut zu, doch immer wenn man den Kopf hinter der Mauer herausstreckt bekommt man wieder eine horizontale Dusche. Schließlich gehen wir weiter. Man bezwingt nicht den Berg, sondern sich selbst. Ein gutes Stück weiter sind wir dem Wetter nicht mehr so ausgesetzt, da eine Felswand hier den Wind abschirmt. Wir erreichen schließlich den Pass, gerade als der Regen aufhört. Mit 1700 Metern der bisher höchste Punkt unserer Reise. Von hier aus geht es wieder Talwärts. Nasser Granit und Wurzeln sind sehr rutschig und man muss jeden Schritt genau abwägen. Der Regen setzt nach einer Stunde wieder ein. Wir erreichen rechtzeitig eine kleine Hütte und richten uns dort ein. Es ist nass und kalt. Temperaturen um die 5 Grad. Das Feuer hilft nur mäßig. Die nassen Sachen trocknen kaum und die Schuhe gar nicht. Wir liegen früh im Schlafsack, in dem es dann doch recht schnell angenehmer wird. Besseres Wetter ist angekündigt, aber die Temperatur bleibt wohl unten.

Tag 7

  • 42.50033°, 2.40852°, 1708m
  • 27/09/2016

Geburtstag

Ich liege seit dem ersten Morgengrauen wach. Diese dunkle und schmutzige Hütte ist mir nicht recht geheuer. Die Nacht war kalt, so dass man versucht hat, sich möglichst tief und mit angezogener Wollmütze in den Schlafsack einzuschnüren. Der Morgen bringt tatsächlich gutes Wetter. Der Himmel ist nur mit leichten Schleierwolken bedeckt und die Sonne bahnt sich ihren Weg auf die kleine Wiese vor der Hütte. Das alles kann jedoch nicht über die nassen und kalten Stiefel hinwegtrösten. Unschöner Start in den 29. Geburtstag von Hannah. Das Frühstück bleibt spartanisch und wir beschließen, das dem Ehrentag angemessene Essen auf den Mittag zu verschieben. Nach der Katzenwäsche an der Quelle geht es weiter durch den Tannenwald. Die Stiefel werden langsam warm, aber nicht wirklich trocken. Wasser ist hier oben kein Problem mehr. Wir überqueren in den ersten Stunden gleich mehrere Bergbäche mit klarem Wasser. Die zweite Hütte, welche gestern eigentlich unser Ziel sein sollte, ist erheblich moderner und verfügt über einen richtigen Ofen. Es hätte sich wohl doch gelohnt noch eine Stunde weiter im Regen zu laufen. Beim Wechsel in einen Westhang lichtet sich langsam der Wald und geht in sehr steiles Weideland über. Hier und da stehen Kühe im Hang, die mit ihrem Dung wirklich den kompletten Weg bedeckt haben. Als der kleine Bergpfad wieder auf eine Kreuzung stößt, treffen wir einen Hirten, der wissen möchte, ob wir in der Nacht in der Nähe unserer Hütte Kuhglocken gehört hätten. Sieben seiner Kühe würden sehr gerne dort stehen und er will sicher sein, dass die noch da sind. Ihm selbst ist es in den Bergen zu kalt und er steigt wieder ab ins Tal. Auf seine Empfehlung hin nehmen wir eine kleine Straße, die uns schneller zur Bergstation führen soll als der Umweg über den steilen Gipfel.

Während wir durch die vielen Windungen der Straße immer weiter Richtung Gipfel laufen, fliegt alle paar Minuten ein Helikopter über unsere Köpfe hinweg. Erst an der Station angekommen können wir sehen, das dieser Lasten von einem Ort zum anderen fliegt und zwischendurch immer mal wieder zurück ins Tal abdreht. Der Lärm der Rotoren ist so laut, dass wir die Terrasse der Bergstation links liegen lassen und uns näher an den Fuß des Canigou begeben, Hannahs Geburtstagsberg. Wir verschieben das Mittagessen auch und bleiben bei Trockennahrung. Es ist schon 15 Uhr und wir interviewen einige der Absteigenden, wie lange der Aufstieg dauern würde. Die meisten sprechen von zwei Stunden, tragen aber auch alle keine Rucksäcke. Eigentlich trägt niemand hier schwere Rucksäcke. Als ein Paar in Turnschuhen den Aufstieg beginnt, wobei ihm schon beim Gehen fast eine der Sohlen abfällt, fassen wir auch Mut und gehen los. Als erstes passieren wir die Baustelle, zu der der Helikopter gependelt ist. Ein neues Wasserreservoir für die Station soll dort entstehen, da dass alte nicht mehr genug her gibt. Das nächste Zwischenziel ist der kleinere Gipfel Joffre. Der Weg ist einfacher als erwartet und das Wetter gut. Weiter oben müssen wir dann schon wärmere Sachen anziehen, da der Wind deutlich frischer weht. Der Weg wird zunehmend steiniger, bis er auf den letzten 300 Höhenmetern nur noch über das Geröllfeld unter dem Grat führt. Von unten ziehen Wolken den Hang hinauf und hüllen uns ein. Von nun an haben wir leider keine Fernsicht mehr, aber der Weg ist noch gut zu erkennen. Die letzten Meter verlangen mir einiges an Kraft und Überwindung ab. Immer öfter müssen die Hände beim Klettern unterstützen. Eine belohnende Aussicht erhalten wir auf dem Gipfel zunächst nicht. Immer noch hängt dieser komplett in den Wolken. Hier und da blitzt jedoch kurz die Sonne hindurch, bis sich sogar ein Teil der Wolkendecke öffnet und zumindest der Blick nach Westen kurz möglich ist. Da wir den Berg übersteigen müssen, werfen wir einen Blick auf den Abstieg. Da runter? Niemals! Fast senkrecht verlaufen die ersten 30 Höhenmeter auf diesem Abschnitt. Umkehren und den Gipfel umlaufen würde uns fast einen ganzen Tag kosten. Schließlich klettern wir halb sitzend von Vorsprung zu Vorsprung, immer mit beiden Händen an der Wand, Meter um Meter den Hang hinunter. Die schweren Rucksäcke schieben von hinten und jeder Schritt muss sich reiflich überlegt werden, sonst könnte es hier durchaus der letzte gewesen sein. Als die Kletterpartie geschafft ist und der Adrenalinspiegel wieder auf ein Normalmaß gesunken ist, beschließen wir, nie wieder so einen Gipfel zu machen. Nichts desto trotz hat es sich gewissermaßen gelohnt. Wir blicken in ein wunderschönes Tal, in dem gerade die Sonne untergeht und an dessen felsigen Hängen die Gämsen stehen. Wir steigen über viel Geröll rasch nach unten, da wir noch einen Zeltplatz finden müssen bevor es dunkel wird. Erfolglos erreichen wir schließlich im letzten Tageslicht eine Hütte, die in unserem Führer als geschlossen und einsturzgefährdet beschrieben ist, aus deren Schornstein jedoch Rauch kommt. Das wirklich winzige Natursteinhaus bietet bereits einem Waliser Unterkunft und wir gesellen uns dazu. Es ist wirklich mollig warm und dank eines ausgeklügelten Systems finden sogar bis zu sechs Leute hier Platz. Wie wir von Bob, einem ehemaligen Professor, der auch in Köln unterrichtet hat, erfahren, wurde die alte Hütte gerade erst wieder für viel Geld instand gesetzt. Auf dem kleinen Ofen kochen wir nun endlich das verdiente üppige Abendessen aus Taboulé und den Tomaten von Guy und gehen anschließend früh ins Bett. Draußen ist wieder eine sternenklare Nacht.

Tag 8

  • 42.37157°, 2.57582°, 2293m
  • 27/09/2016

Grat(d)wanderung

Bob packt seine Sachen mit dem ersten Morgengrauen. Er möchte nochmal aufsteigen um einige Gämsen zu beobachten. Wir lassen uns Zeit und brechen erst gegen neun weiter in Richtung Tal auf. Wir begegnen vielen Tagestourern, die alle den Aufstieg auf den Gipfel wagen wollen. Teils in Turnschuhen und einer sogar noch mit der Zigarette in der Hand. Die Bäume werden dichter, bis sie schließlich wieder in einen Nadelwald übergehen, der durch viele Viehzäune mit Gattern unterteilt ist. Bäche gibt es hier wieder im Überfluss und wir füllen unsere Reserven immer nur mäßig auf um Gewicht zu sparen. Auf einer Lichtung steht eine größere Hütte an die auch eine Straße mit Parkplatz grenzt, was die vielen Touristen erklärt. Von hier an geht es wieder bergauf in Richtung Süden. Entlang des Waldrandes schlängelt sich der kleine Feldweg in Serpentinen den Berg wieder hinauf. Die Sonne steht hoch und ich nutze jeden Fleck Schatten für eine kurze Pause. Auf halben Weg steht ein Rundzelt, ähnlich dem Mongolischer Nomaden, das vermutlich einem Schäfer gehört. Wenig weiter biegen wir links auf einen Trampelpfad, der uns teils steil durch lichter werdenden Wald auf ein Hochplateau bringt. Die Vegetation hier oben besteht nur aus Gräsern und kleinen Bodengewächsen. Dazwischen liegen überall Granitbrocken. Eine der beiden Hütten hier ist vollständig aus diesen Steinplatten gebaut. Sogar das Dach. Wir lassen uns an der Außenwand nieder für unsere Mittagspause. Hannah begibt sich auf die Suche nach der versprochenen Quelle, doch auch diese ist ausgetrocknet. Unsere Vorräte an Wasser sind fast aufgebraucht. Eine Familie, die uns kurz vorher eingeholt hatte, steuert freundlicherweise noch einen weiteren Liter Wasser bei. Ab hier müssen wir etwas rationieren. Die nächste sichere Quelle kommt erst wieder morgen Vormittag. Nach dem Essen starten wir in die letzte Etappe des Tages. Wir bleiben auf dem Hochplateau und laufen einen angenehmen Pfad entlang des Grates Richtung Westen. Wie immer Türmen sich hier gegen Nachmittag große Wolkenberge auf und es nieselt sogar ein bisschen. Ein Abschnitt zeichnet sich durch seine besonders schönen weißen Felsen aus. Aus dem unter uns liegenden Hang klingt immer wieder das Geläut von Kuhglocken zu uns hinauf. Später stellt sich heraus, dass es Pferde und keine Kühe sind, doch auch diese tragen hier wohl Glocken. Es dämmert bereits und wir müssen uns beeilen noch die Schutzhütte unterm Gipfel zu erreichen, bevor die Sonne endgültig unter geht. In der Dämmerung kreuzen noch einige Gämsen unseren Weg, verharren kurz, und laufen dann weiter über die Grenze nach Spanien. Wenig später erreichen wir die Hütte, welche eigentlich mehr ein Container ist. Die Türe ist mit Steinen blockiert, da sie keinen Riegel mehr besitzt. Drinnen ist in einer Ecke Wasser eingedrungen, in einer anderen wurde bereits Feuer gemacht. Wir lüften etwas um den muffigen Geruch loszuwerden. Das Interieur ist wie die Hütte selbst komplett aus Eisen; Tisch, Bänke, Bett. Zum Glück sind die Pritschen aus Holz und nicht so kalt wie der Rest. Wir kochen eine Kleinigkeit und legen uns schnell in die Schlafsäcke. Die Temperatur bewegt sich irgendwo um den Gefrierpunkt. Das wird hier auf fast 2300 Metern wohl unsere bisher kälteste Nacht.

Tag 9

  • 42.49111°, 2.14382°, 1583m
  • 29/09/2016

Unter Lichtdruck

Gott sei Dank waren wir während der Nacht in dieser muffigen und kalten Blechbüchse. Kaum eingeschlafen brach auch schon ein Unwetter über uns herein. Die Baracke war nicht ganz dicht, doch es tropfte weder dorthin wo wir schliefen, noch dahin wo unsere Sachen lagen. Die halbe Nacht habe ich nur darauf gewartet das der Sturm die, nur mit einem Schnürsenkel notdürftig verschlossene Türe aufreißt und das schlechte Wetter zu uns herein trägt. Dies passierte zum Glück nicht und gegen halb 8 vielen auch schon wieder die ersten Sonnenstrahlen durchs Fester.

Der Himmel draußen ist strahlend blau. Da unser Geschirr noch vom Abend dreckig ist, lassen wir das Frühstück ausfallen. Tee mit Tomatensoße schmeckt einfach nicht. Leider brechen wir in die falsche Richtung auf und müssen noch einmal zurück zur Hütte und von da einen Wildpfad unterhalb des Grates entlang zu einem kleinen Pass aufsteigen. Von dort aus geht es mit Kompass querfeldein durch eine Heidelandschaft bis wir wieder einen Weg finden. In großen Bögen geht es um die Hügel des Hochplateaus bis wir schließlich in ein Tal mit Skigebiet absteigen. Auf dem Weg dorthin passieren wir einen Stein mit Spanischem Wappen. Von nun an tauschen wir unser "Bonjour" gegen "Hola". Die Skipisten sehen im Sommer aus wie Geröllrampen mit Schneekanonen am Rand und von Liften durchzogen. Kein besonders schöner Anblick. Am Fuße des Tals sind großflächig Parkplätze angelegt. Viele Wanderer nutzen diese Gelegenheit um von hier Tagestouren zu unternehmen. Angrenzend zu den Pisten befindet sich auch eine kleine Wanderhütte. Diese hat schon geschlossen aber hier gibt es die ersehnte Quelle um unsere Wasserreserven wieder auf zu füllen. Wir nutzen die Gelegenheit ebenso zum spülen und kochen. Es gibt keine Schatten weit und breit und man kann beinahe fühlen wie einem die Haut trotz Sonnenschutz verbrennt. Wir treffen zwei Deutsche die den Spanischen GR11 gegangen sind und in wenigen Tagen das Mittelmeer erreichen sollten. Die beiden hatten das nächtliche das Unwetter im Zelt durchgestanden. Wieder gestärkt steigen wir die Schotterpisten hinauf um das Tal in westliche Richtung zu verlassen. Vom Pass geht der Weg in ein weiteres Tal, welches wir auch durchqueren. Der Abend bricht langsam an und uns begeben einige Kletterer, die sich auf dem Heimweg befinden. Gämsen gehören hier schon fast zum gewohnten Anblick. Als wir auch diesem Tal entstiegen sind befinden wir uns endgültig im Hochgebirge. Sehr spärliche Vegetation zwischen viel Geröll und Felsen. Die Sonne geht langsam unter und wir müssen einen Platz zum zelten finden. Trotz bestem Wetter ist mir ein Lager nahe einem der Gipfel nicht geheuer. Wir gehen weiter und versuchen noch etwas abzusteigen um einen besseren Platz zu finden. Im Schatten wird es bereits empfindlich kalt. In großer Eile machen wir die letzten beiden Pässe und können uns noch schnell in ein kleines Tal flüchten. Im allerletzten Licht bauen wir das Zelt möglichst mittig in dem von Felsen eingekesselten Tal auf. Die Angst vor Steinschlag ist an einem solchen Ort nicht ganz unbegründet. Um das Zelt befinden sich lauter Murmeltierbauten. Kaum sind wir in unseren Schlafsäcken inspizieren die Tiere auch schon das neue merkwürdige Objekt. Es ist sternenklar und furchtbar kalt. Zum Glück geht kein Wind. Es könnte eine ruhige Nacht werden.

Tag 10

  • 42.49081°, 2.13819°, 1539m
  • 29/09/2016

Entspannter Abstieg

Der Wecker klingelt noch mal um 23 Uhr. Es ist so kalt, dass ich eigentlich nicht noch mal aus dem Schlafsack möchte. Draußen steht jedoch noch meine Kamera, mit der ich versuche eine kleine Zeitraffer der Milchstraße einzufangen. Das kesselförmige Tal ist Ideal hierfür, da kein fremdes Licht die Aufnahmen stört. Nach dem kurzen Ausflug in die Nacht liege ich wieder zähneklappernd im Zelt. Das nächste mal klingelt der Wecker um 8. Draußen ist es hell, aber die Sonne hat es noch nicht über die östliche Kante geschafft. Wir machen das Zelt auf und beobachten wie das Licht an der gegenüberliegenden Felswand langsam zu uns ins Tal wandert. Der Temperaturunterschied zwischen Licht und Schatten ist hier oben wirklich extrem. In der wärmenden Sonne bauend wir dann gegen neun endlich unser Lager ab und steigen tiefer ins Tal. Zu unserer linken finden wir einen glasklaren aber nicht besonders tiefen See. Mehrere Bäche rauschen von hier den Berg hinab. Wir folgen ihnen langsam um unsere Knie auf dem steilen Abstieg nicht zu sehr zu belasten. In der gegenüberliegenden Bergwand steigt eine Gruppe von 7 oder 8 Bergsteigern zu einem der felsigen Gipfel des Kessels auf. Die Bäche vereinigen sich nach und nach zu einem größeren Fluss, an dessen Ufer schon wieder die ersten Kühe grasen. Nadelbäume beginnen die Hänge zu bewachsen und wir entkommen immer öfter der schon sehr hoch stehenden Sonne. An einer kleinen Brücke stößt der GR10 wieder auf unseren Weg, welcher die wirklich hohen Gipfel in diesem Teil der Pyrenäen ausgespart hatte. Wir rasten am Ufer. Zu Mittag gibt es Taboulé mit der letzten von Guy's Tomaten und einem Tütchen Gemüsebrühe, das wir aus einem Packet Instantnudeln abzweigen. Nach der Pause steigen wir tiefer ab in den Wald. Der Boden ist bedeckt von lilafarbenen Krokussen. Noch einmal geht es ein wenig bergauf um durch dichten Wald über einen Bergausläufer abzukürzen. In den Hängen röhren mehrere Hirsche. Über einen Schotterpfad steigen wir in den kleinen Ort Planès ab. Dort gibt es eine Herberge mit kleinem Zeltplatz in der wir unterkommen. Der Wirt ist selbst erfahrener Backpacker und gibt uns einige Tipps. Er freut sich endlich mal wieder "richtige" Wanderer zu Gast zu haben und nicht solcher die fast ohne Gepäck nur von Hütte zu Hütte hetzen. Nach Tagen gibt es hier wieder eine richtige warme Dusche, die wir ausgiebig in Anspruch nehmen. Die Temperatur ist hier deutlich milder als auf dem Berg. Diese Nacht wird sicher angenehm.

Tag 11

  • 42.56283°, 1.99007°, 2026m
  • 30/09/2016

Post an uns selbst

Wir stehen dummerweise mit unserem Zelt an einem Nordhang und werden so schnell keine Sonne bekommen. Der Wecker klingelt um halb 8, denn wir müssen dringend ins nächste Dorf um dort unser Vorratspaket abzuholen. Trotz Tee wollen die Finger nicht wirklich warm werden. Wir verlassen die kleine Herberge und laufen durch den alten Ort und über Felder nach La Cabanasse. Auf dem Weg dorthin können wir einen Blick auf Le Canari, den gelben Zug werfen, der auf der höchsten Eisenbahnlinie Frankreichs verkehrt. In der winzigen Post liegt tatsächlich unser Pappkarton und wartet auf uns. Wir laden unsere Rucksäcke voll mit neuen Lebensmitteln, tauschen sicherheitshalber die Batterien unserer Stirnlampen und packen alles das ins Paket, was wir in den letzten 10 Tagen nie eingesetzt haben. Als kleine Selbsbelohnung hatten wir uns noch zwei Schokoriegel mit ins Paket gepackt, die wir jetzt mit einem Rest Erdnüssen zu unserem Frühstück machen. Über die Hauptstraße geht es einen Ort weiter. Hier organisieren wir neues Bargeld und im alten Stadtkern, welcher in einem Fort liegt, kaufen wir noch neue Medikamente und eine Tube Superkleber. Mit letzterem reparieren wir Hannahs Schuhsohlen, was wirklich gut funktioniert. Vorbei an der Zitadelle, welche als Truppenübungsplatz dient, geht es wieder in den Wald. Der Pfad verläuft durch ein schönes Naherholungsgebiet und ist einfach zu gehen. Zwischen den Bäumen stehen hier Pferde und Kühe gemischt. Über eine Schotterpiste geht es langsam wieder bergauf. Wir machen gut Strecke und lassen das Mittagessen im Eifer sausen. Mitten im Wald befindet sich die Baustelle, von der unser Hittenwirt gestern gesprochen hatte. Auch der GR10 stößt hier wieder auf unseren Weg. Wir folgen der Umleitung ein gutes Stück bergab, vorbei an einem einsamen Skilift, und verlassen die Piste wieder für einen Trampelpfad. Wenige hundert Meter weiter beginnt ein nicht enden wollender Berg. Schotterrampe um Schotterrampe kämpfen wir uns mit den nun wieder wirklich schweren Rucksäcken den Berg hinauf. Als landschaftliche Entschädigung führt der neue Weg am Ende an zwei tollen, tief schwarzen, Seen vorbei. Ein Ufer besteht vollständig aus mannshohen Granitblöcken über die man geschickt hinweg klettern muss ohne in eine der Spalten zu fallen. Am Ende der Umleitung sind wir wieder halb in der Zivilisation. Vorbei an einer Herberge und einem Restaurant laufen wir über die lange Mauer eines Stausees. Am Infopunkt besorgen wir neues Wasser und überprüfen die Wettervorhersage. Hier müssen wir uns entscheiden ob es morgen über mehrere Gipfel oder alternativ durchs Tal zum nächsten Etappenziel gehen soll. Mit der Aussicht auf dichte Wolken und nachmittägliche Schauer fällt die Wahl auf den Talweg und wir folgen weiter dem GR10. Entlang des Stausees sehen wir uns nach geeigneten Zeltplätzen um, bis wir am Ende des Sees fündig werden. Ohne Sonne ist es wieder empfindlich kalt und nach dem Essen geht es schnell in die Schlafsäcke. Zur Spargelsuppe gab es einen Rest Brot, den wir gestern erstanden hatten. Ungewohnt mal wieder etwas kauen zu müssen. Die Temperaturen machen uns zunehmend Sorgen, da sie tagsüber gerade so den zweistelligen Bereich erreichen und sich nachts stehst nahe oder sogar unter dem Gefrierpunkt befinden.

Tag 12

  • 42.55332°, 1.83421°, 2275m
  • 01/10/2016

Halbzeit

Auch wenn es sehr romantisch ist, müssen wir uns dringend abgewöhnen in der Nähe irgendwelcher Gewässer zu zelten. Das Zelt ist dann morgens komplett nass und lässt sich, so wie heute, ohne Sonne nicht wieder richtig trocknen. Bei Tagesanbruch kämpft die Sonne einen aussichtslosen Kampf gegen eine aus Osten aufgezogene dichte Wolkendecke. Wir lassen uns Zeit mit dem Zusammenpacken, in der Hoffnung doch noch irgendwie die Feuchtigkeit aus unseren Zelt zu bekommen. Wir flüchten vor dem schlechten Wetter und einer Gruppe wanderwütiger Rentner in Richtung Westen durch ein lang gezogenes Tal. Ein Hirte treibt hier seine Kühe zusammen und wir stehen der aufgescheuchten Herde irgendwie im Weg. Über einen steilen Pass klettern wir aus dem Kessel. Die Felsen hier sind meist rostfarben oder schwarz. Einige Gipfel sehen wie riesige Kohlenberge aus, so zerklüftet sind ihre Spitzen. Die Höhenmeter kosten heute richtig Kraft, denn unsere Reserven sind weitest gehend aufgebraucht. Wir müssen aufhören unsere Vorräte zu stark zu rationieren. Auf dem Pass treffen wir einen älteren Herren, der auf seinen zurückgefallenen Bruder wartet. Zu unserer Rechten befindet sich der größte Stausee der Pyrenäen, welcher, wie wir erfahren, zur Stromgewinnung eingesetzt wird. Wir laufen eine kleine Abkürzung über einen Viehpfad um den Schlenker des GR10 hinunter an den See zu vermeiden. Bis zur Staumauer ist der Weg relativ flach und wird von vielen Bächen gekreuzt. Eine weitere Abkürzung direkt auf die Staumauer endet in einer Sackgasse. Wertvolle Zeit geht für den Rückweg verloren und es beginnt schon leicht zu nieseln. Von unterhalb der Staumauer klettern wir hoch zu einer überdachten Fläche an der Maschinenhalle um dort eine Mittagspause einzulegen und gegebenenfalls die für den Nachmittag angekündigten Regenschauer auszusitzen. Doch es kommt kein Regen. Die dunklen Wolken ziehen langsam ab in Richtung Norden. Noch einmal steigen wir mühevoll mehrere hundert Höhenmeter auf um in ein benachbartes Tal zu gelangen. Der Weg ist kaum zu erkennen und nur spärlich markiert. Rampen aus Schieferkies machen einem das Laufen hier schwer. Im Nachbartal ist die Markierung noch dürftiger und wir laufen querfeldein zu einem Fluss, der ins Tal führt und dem wir folgen. Nachdem wir sie bis jetzt nur röhren gehört haben, begegnen wir nun kurz nacheinander gleich zwei Hirschen mit mächtigen Geweihen. Die scheuen Tiere verschwinden jedoch sofort wieder sobald sie einen entdeckt haben. Am Fuße des Tals queren wir ein flaches, mit Gräsern bewachsenes Plateau und laufen dann entlang der rechten Bergflanke auf einem schmalen Pfad ins Tal. Die hier liegende Hütte war im Führer als austattungslos beschrieben worden, was auch zutrifft. Außer einem Stuhl gibt es hier nichts. Auf dem nackten Betonboden möchte ich nicht schlafen und wir suchen weiter talwärts nach einem geeigneten Zeltplatz. Der steile Hang und die dicken inselförmigen Grasbüschel machen es uns nicht leicht. Eine Stelle haben die Kühe jedoch gut plattgetreten und wir bauen unser Lager dort auf. Das Innenzelt und der Boden sind nach dem Tag im Rucksack nun auch komplett nass. Die Sonne ist schon längst weg und Hannah versucht zumindest den Boden mit einem Handtuch einigermaßen trocken zu bekommen. Während ich am kochen bin fängt es auch noch an zu regnen und wir verziehen uns fluchtartig ins immer noch sehr feuchte Zelt. Vielleicht wäre der Betonboden jetzt doch gar nicht so schlecht gewesen.

Tag 13

  • 42.59988°, 1.68238°, 1819m
  • 03/10/2016

Das Las Vegas von Andorra

Während der Nacht muss unser sowieso schon nasses Zelt einige weitere Schauer einstecken. Die Schlafsäcke ziehen die Feuchtigkeit förmlich an und bei jedem Kontakt mit der Zeltwand sickert neues Wasser herein. Am Morgen gibt es leider keine Sonne. Nur Wolken, und zwar solche welche die Sonne verdecken und solche die vom Tal herauf und über uns hinweg ziehen. Auf diese Weise wird dann auch alles andere nass. Das Zelt wandert wieder triefend in den Rucksack und wir laufen weiter talwärts. Auf dem Weg treffen wir zwei Jäger, die den frühen Morgen über hinter Mufflons und Isards her waren und erzählen, dass über den Wolken ein super Wetter wäre. Wir erreichen einen Pass der Bundesstraße N320 und überqueren diese. Interessant daran ist, dass der höchste Punkt dieser Straße der niedrigste Punkt unseres ganzen Tages ist. Von hier an geht es über eine Piste wieder bergauf. Der Wind pfeift und wir müssen trotz der Anstrengung in unsere winddichten Regenjacken wechseln. Wir passieren alte Mienengebäude, die zum großen Teil eingefallen sind. Durch ein Fenster kann man einen Blick in den alten Waschraum mit Spinden und Bänken werfen. Ein Graffitikünstler hat sich hier mit skurrilen Wesen verewigt. Die alten hölzernen Fensterläden wiegen sich unheimlich im Wind. Wenig weiter entdecken wir einen eingestürzten oder zugeschütteten alten Schacht. Dem Gestein nach zu urteilen wurde hier einmal Eisenerz gefördert. Wir überqueren einen Bach und verlieren den Weg in einer Vielzahl von Kuhpfaden. Hinter einer Kuppe vermuten wir Pas de la Case doch sehen nur eine Straße. Wir stehen wohl auf der falschen Bergnase und müssen noch einen weiteren Bogen laufen, bis die im Tal liegende Stadt zu erblicken ist. Dieser an einem Skigebiet manifestierte architektonische Albtraum wird der letzte Ort auf unserer Reise sein. Danach kommt zum Glück nur noch Wildnis. In den Straßen reiht sich ein Ramschladen an den nächsten. Dazwischen billige Cafés und nach Fett riechende Imbissbuden. Der Rest der Läden verkauft Sonnenbrillen, Parfum oder Schmuck. Irgendwie wie Las Vegas nur ohne Glücksspiel. Wir kommen uns vor wie Aussätzige. Hannah kauft erstmal Wasser und Limo. Brot oder Obst gibt es in dem Supermarkt nicht. Das einzige Outdoorgeschäft führt nur Skikleidung. Wir bekommen doch noch ein Baguette und Frischkäse organisiert, was heute unser Mittagessen wird. Um die Stadt zu verlassen und zum nächst höheren Pass zu gelangen folgen wir zunächst den Skiliften und dann weiter einer steilen Piste. Die Steigung hier ist grenzwertig und verschleißt vor allem die Achillessehnenansätze. Auf dem Pass gibt es eine Tankstelle mit Tankwart, der uns für 50 Cent unsere leere Kocherflasche wieder befüllt. Wir queren wieder die Straße und kämpfen uns in Serpentinen eine sehr staubige Piste empor zu einem Funkturm. Diese Strecke wird wohl gerne von 4x4 Fans benutzt, denn uns kommen einige Jeeps entgegen, deren Fahren nicht den Eindruck machen aus professionellen Gründen hier unterwegs zu sein. Der Wind nimmt zu und es wird immer schwieriger gerade aus zu laufen. Mittlerweile in Kapuze und Handschuhe gehüllt schaffen wir es dennoch bis auf den Gipfel. Wir folgen den Spuren der Geländefahrzeuge zu einem weiteren Berg. Unterwegs herrscht Uneinigkeit über den Weg, da die Beschreibung im Führer unklar ist. Wir finden jedoch den richtigen Pfad und laufen durch den immer noch stürmischen Wind den Grat entlang. Wir wechseln die Gratflanke von West nach Ost und entgehen so besser dem kalten Wind. Wenig später stoßen wir wieder auf einen der GR Wege und folgen diesem bis in ein mit Seen durchzogenes Tal. Der steile Abstieg verläuft in mehreren Etappen und schmerzt in den Knien. Am Rande einer etwas sumpfigen Wiese finden wir im letzten Licht die anvisierte Übernachtungsmöglichkeit. Eine etwas größere Hütte mit zwei getrennten Räumen. Ein Gespann aus Vater und Tochter bewohnt schon die rechte Kammer. In der linken befindet sich ein Pritschenlager, in dem wir und einquartieren. Das Zelt wird über eine Wäscheleine gehängt in der Hoffnung, dass es wenigstens etwas trocknet. Beim gemeinsamen Abendessen erfahren wir, dass unser Nachbar vor seiner Pensionierung einen Sportladen besaß. Wir gehen früh ins Bett, denn der Tag war ausgesprochen lang. Für meine Füße eigentlich zu lang.

Tag 14

  • 42.61836°, 1.63874°, 2219m
  • 03/10/2016

Verlaufen

Unsere Nachbarn brechen mit dem ersten Tageslicht auf. Es ist kalt und wir kochen uns erstmal einen Kakao. Gegen 10 Uhr setzen auch wir uns in Bewegung in Richtung Tal. Der Weg ist nach dem Viehabtrieb eine einzige Schlammpiste. Weiter unten treffen wir dann die große Herde mit ihren vielen kleinen Kälbchen. Einige Ausflügler kommen uns hier entgegen. Am Ende des Weges ist ein Parkplatz und eine Straße, der wir einige Kilometer folgen. Auf einer Bank legen wir eine Kekspause ein, bevor es über ein Feld wieder steil bergauf geht. An der Stelle des Weges, wo der Fichtenwald beginnt soll eigentlich ein Trampelpfad weiter steil in Richtung Gipfel führen. Diesen können wir jedoch nicht finden und laufen weiter den in gelb markierten Weg, der sich nun in Serpentinen weiter den Berg hinauf durch den Wald schlängelt. Oberhalb der Baumgrenze finden wir einen beschrifteten Stein, der zur einen Seite zu einer Hütte weißt, die in unserer Karte abseits des geplanten Weges liegt und in die andere Richtung zu einem See führt, der wieder in unserem Führer beschrieben ist. Wir folgen letzterem durch hohes Grass weiterhin immer den Berg hinauf. Kurze Pausen sind kaum möglich, da einen der Wind trotz Sonne sofort auskühlt. Mit Jacke laufen ist bei der anstrengen aber ebenfalls nicht möglich. Wir erreichen den See und arbeiten und über Viehpfade zum beschrieben Pass hinauf. Oben angekommen bin ich völlig erschöpft. Die kalten kurzen Nächte und die mangelhafte Ernährung fordern ihren Tribut. Von hier aus sollen es zum Glück nur noch eine Stunde bergab bis zur Hütte sein. Wir rasten kurz und suchen dann den Abstieg, können aber außer den wegen der Kühe nichts Pfad ähnliches finden. Schließlich laufen wir querfeldein, nur GPS gestützt, auf die Hütte zu. Immer wieder versperren steile Kanten oder tiefe Schluchten an den Hängen des Berges uns den Weg. Weiter im Tal finden wir wieder Wegmarkierungen, die auch tatsächlich zu der Hütte führen. Hier gibt es einen Kamin aber kein Holz. Die Möbel sind mal wieder alle aus Metal und eisig kalt. Auf einem kleinen Flecken Wiese bauen wir unser Zelt zum trocknen auf. Wie auch in der letzten Hütte gibt es hier eine Detailkarte von Andorra. Mir hatte schon mehrfach gedämmert, dass unser Führer teils unsinnige Abkürzungen und Varianten ging. Bisher lag dies immer daran, dass er bewirtete Hütten zur Übernachtung anlief oder zu einer Wasserquelle wollte. Doch heute ging es lediglich um eine Abkürzung von zwei Kilometern, die einen unnötigen Abstieg und Aufstieg enthielt, die extrem viel Zeit kosteten und uns auch noch in die Irre führten. Selbst auf der Detailkarte sind die beschrieben Wege nicht oder nur zum Teil zu finden. Wir halten uns jetzt besser an die markierten Wege und sparen uns die Varianten des Buches. Die Wetterprognose für die kommende Woche ist auch nicht berauschend. Temperaturen weit unter Null sowie mehrere Tage lang Regen und Schnee. Sollte sich dies nicht noch ändern werden wir am Mittwoch die Reise abbrechen und über Barcelona zurückkommen. Die Stimmung ist entsprechend getrübt. So hatten wir uns das Ende nicht vorgestellt.

Tag 15

  • 42.62105°, 1.55574°, 1966m
  • 04/10/2016

Besseres Wetter, Bessere Stimmung

Die Nacht in der kleinen Hütte fällt wärmer aus als erwartet. Gegen 21 Uhr kommt noch ein junges Paar an, welches Feuerholz mitgebracht hat, draußen ein großes Lagerfeuer entfacht und einfach unter freiem Himmel auf einem Felsen übernachtet. Der Tag beginnt mit blauem Himmel und Sonne, die direkt auf die Hütte und die angrenzende Quelle fällt. Wir nutzen die Gelegenheit und waschen uns mit dem eiskalten Wasser die Haare sowie einige Kleidungsstücke. Der GRP ist hier wirklich ausgezeichnet markiert und steigt nur moderat an. Doch der Berg hat es in sich. Immer wieder kommen steile Etappen, die einem suggerieren man würde gleich den Pass erreichen. Statt dessen endet man jedesmal auf einem neuen Hochplateau von dem es dann zum nächsten geht. Gegen Mittag rasten wir an einem kleinen und sehr windgeschützten See. Die Sonne ist immer noch sehr warm und ich fasse mir ein Herz und möchte zumindest kurz mal in das Wasser springen. Kaum habe ich das T-Shirt ausgezogen erscheint auch schon ein Helikopter an der Kante des Kraters, in dem der See liegt und setzt einen Mann ab. Dieser rennt mit einem Kanister den kleinen Hügel hinunter, grüßt, und kippt dann den Inhalt des Behältnisses in den See. Danach läuft er zurück und wartet darauf vom Hubschrauber wieder eingesammelt zu werden. Keine 10 Minuten später ist es wieder still. Was auch immer der da reingeschüttet hat, nach baden ist mir nun nicht mehr. Nach dem Mittagessen geht es weiter in Richtung Pass. Noch einmal über ein Plateau und dann endlich zum finalen Anstieg. Gut 50 Meter unter dem höchsten Punkt steht eine Steinhütte, die wir uns genauer ansehen und umlaufen. Wir folgen weiter dem Pfad, landen aber auf dem falschen Pass. Irgendwo sind wir mal wieder falsch abgebogen. Statt zurück zulaufen und erneut aufsteigen klettern wir über den Grat hinüber zum richtigen Pass. Split und viel Geröll machen hier das laufen zu einem Abenteuer. Ein wenig Nervenkitzel später stehen wir wieder auf dem rechten Weg. Von hier aus geht es nicht zu steil zurück ins Tal. Der Viehabtrieb hat auch hier die Landschaft gezeichnet. Langsam ziehen erste Wolken auf, doch je tiefer wir kommen, desto wärmer wird es. Wir passieren eine kleine Hütte und können wenig später auch schon unser heutiges Etappenziel, eine größere Unterkunft sehen. Obwohl diese schon geschlossen hat gibt es doch ein offenes Winterquartier, das besser ausgestattet ist als alle anderen zuvor. Es gibt fließendes Wasser und sogar Strom. Kurz nach uns kommt Charly, ein Schottischer Bergführer, ebenfalls hier an. Er hatte seinen alten Job als Türsteher satt und wechselte nach und nach beruflich zum Trekking. Zukünftig möchte er geführte Touren durch Andorra anbieten und guckt sich deshalb schon einmal alles genau an. Der ausgesprochen gute Tag hat uns wieder etwas mehr Mut gemacht noch ein bisschen weiter zu gehen und nicht nur wegen der Aussicht auf widrige Umstände schon hinzuwerfen. Am Tisch und mit mehreren Karten planen wir die nächsten Tage. Die kommenden Etappen erweisen sich jedoch als sehr entlegen und bieten keinerlei Möglichkeit schnell zurück in die Zivilisation zu kommen. Wir beschließen alternativ noch länger auf dem HRP zu bleiben und somit noch einige Tage durch Andorra zu wandern, bevor wir uns von dort wieder auf den Heimweg machen. Von Charly bekommen wir für die letzten Tage noch eine Karte von Andorra geschenkt. Er hatte sich hier eine etwas bessere besorgt. Hoffentlich können wir dem Regen morgen und übermorgen entgehen.

Tag 16

  • 42.56374°, 1.47998°, 2242m
  • 05/10/2016

Hüttenzauber

Wir stehen zeitig auf um dem für Nachmittag angekündigten Regen zu entgehen. Die heutige Etappe ist relativ kurz. Währen wir noch Tee kochen bricht Charly schon auf. Er möchte heute gute 5 Stunden weiter laufen als wir. Nach dem Frühstück nehmen wir die Schotterpiste vor der Hütte ins Tal. Vorbei an einem Botanischen Garten geht es in Richtung Talstraße. Der Weg windet sich hier das ein oder andere mal um nicht direkt auf der Straße zu verlaufen, was jedoch nicht immer möglich ist. Die kleinen Dörfer bestehen überwiegend aus Hotels und teils auch aus Bettenburgen für Wintersportler. Alles in allem fügen sie sich aber gut in die Landschaft. Mir fällt auf, dass alle Straßenlaternen in Andorra handschriftlich durchnummeriert sind. Ist mal eine kaputt kann man wohl direkt melden welche. Am Ende der Etappe verlassen wir den Ort Llorts und steigen nach einer Rast an einem Brunnen wieder zurück auf in die Berge. Während unserer Pause hält ein französischer Bus an, der eine große Gruppe Rentner auslädt, die alle eine kleine Kapelle fotografieren, wieder einsteigen und weiter fahren. Der nun folgende Aufstieg ist einer der bisher längsten. Ohne Unterbrechung geht es 800 Höhenmeter meist steil, teilweise auch sehr steil durch einen Wald. Wir brauchen fast drei Stunden um uns hier hoch zu kämpfen. Knapp unter dem Pass wartet am Ende des Aufstiegs eine kleine Hütte auf uns. Solche Aufstiege machen weder Spaß noch sind sie sonderlich schön. Ich merke wieder einmal wie wenig Kraft ich noch habe. Alle 20-30 Höhenmeter musst ich mich kurz ausruhen. Unterwegs treffen wir zwei Neuseeländerinnen, die den kompletten GRP in 8 Tagen in umgekehrter Richtung gemacht haben und nun auf ihrem finalen Abstieg sind. Ich beneide sie. In der vergangenen Tagen hatten wir immer wieder ihre Einträge in den Hüttenbüchern gelesen. Wir unterhalten uns über die Wasserproblematik in den Pyrenäen und über "Tanlines", die durch die Schlaufen der Trekkingstöcke entstehen. Darüber hinaus haben sie für uns einige nützliche Tipps bezüglich der nächsten Hütten. Oben angekommen treffen wir in der Hütte drei Spanier und ihren Hund an. Diese zerlegen erstmal einen alten Baumstamm mit Säge, Keil und Vorschlaghammer um ein warmes Feuer zu entzünden. Dem winzigen Hund ist kalt. Alle drei machen einen sehr erfahrenen Eindruck. Der, dem Aussehen nach, Älteste hat in den letzten zwei Jahren den GR11 und den GR20 in Korsika absolviert und kennt hier in den Pyrenäen fast jeden Gebirgszug. Neben Unmengen an Gras haben sie auch viel Proviant mit dabei. Fast wäre ich vegetarisch durch diesen Urlaub gekommen, doch ich muss sofort luftgetrockneten Thunfisch und Schinken probieren. Das große Feuer verschlingt das Holz schnell und ich schaffe mit Hannah einen weiteren alten Stamm als Nachschub für die Nacht heran. Nach der ganzen Sägerei um ihn in handliche Stücke zu zerteilen braucht man eigentlich kein Feuer mehr, damit einem warm wird. Nach dem Abendessen besteht die Wahl zwischen mehreren Sorten Kaffee und Tee. Dazu gibt es Zuckertütchen, süße Kaffesahne und sogar Schokopulver zur Dekoration. Ich möchte zu gerne wissen wie schwer deren Rucksäcke sind? Die Nacht hier wird dank dem Feuer sicherlich gemütlich. Da eigentlich nur für vier Personen Platz ist, werden Hannah und ich uns eine Pritsche teilen.

Die Wetteraussichten für morgen sind leider eher trüb. Es dürfte schwer werden dem Regen auf der nächsten Etappe zu entgehen. Noch ist für Freitag gutes Wetter angesagt und wir planen für dann den Aufstieg zum Comapedrosa, Andorras höchstem Berg.

Tag 17

  • 42.55227°, 1.59762°, 2211m
  • 06/10/2016

Letzter Aufstieg mit Rucksack

Die Nacht war außergewöhnlich warm und gemütlich. Das lag zum einen daran, dass ich teilweise Hannahs bequeme Isomatte mitbenutzen konnte, zum anderen an Miguel's Schlafstörung. Dieser hielt die halbe Nacht das Feuer in Gang und drehte sich dabei vermutlich einen Monatsvorrat Joints. Der Tag selbst empfängt uns nicht so angenehm. Die Wolken hängen tief, es gewittert und hagelt. Den Spaniern sind die Aussichten zu schlecht und sie beschließen abzusteigen. Uns raten sie auch, wegen des schlechten Wetters, den Umweg durchs Tal zu nehmen und nicht über den Pass zu gehen. Zum Glück ist in Andorra die Netzabdeckung gut und wir können währen des Frühstücks einen Blick auf den Wolkenfilm und das Regenradar werfen. Wir nutzen ein niederschlagsfreies Fenster und wagen doch den Aufstieg. Die Wolken sind so dicht, dass sich nur erahnen lässt wo genau die Sonne steht. Je höher wir kommen umso mehr Hagel ist liegen geblieben. Über insgesamt vier Plateaus nähern wir uns dem Gipfel. Der Ausstieg auf den Grad erfolgt über nassen groben Kies. Der Weg ist steil und besonders mühsam, denn bei jedem Schritt rutscht man wieder um die Hälfte zurück. Oben angekommen weht, wie eigentlich immer, ein steifer kalter Wind. Der Weg verfehlt den Gipfel leider um wenige Meter. Wir müssen aber in die andere Richtung und klettern eine Weile den Grat entlang, bevor wir in Richtung Süden in ein kleines Tal eintauchen. Auf dem Weg nach unten treffen wir eine Holländerin, die alleine seit nun sieben Wochen auf dem HRP unterwegs ist. Wir nehmen eine alte Variante des GRP, da diese über eine Hütte führt, an der wir unsere Mittagspause machen möchten. Der Pfad ist aufgrund der verwitterten Markierungen kaum noch zu erkennen und teils sehr steil. Das letzte Stück zur Hütte geht dann nur noch querfeldein. An der Quelle wasche ich mich und ein paar meiner Sachen. Die letzte richtige Dusche ist heute auch schon wieder eine Woche her. Währen des Essens kommt sogar die Sonne hin und wieder zum Vorschein, doch es ist und bleibt kalt. Direkt vor der Hütte verläuft ein Weg, der uns laut Karte eigentlich wieder auf den GRP bringen müsste, doch das Gestrüpp zu den Seiten wird nach und nach immer dichter. Schließlich sind auf einer Schneise von gut 200 Metern breite quasi alle Tannen umgeknickt und liegen nun wie Mikadostäbe über dem Trampelpfad. Dieser Lawinenschaden erfordern all unsere Kletterkünste. Im Anschluss daran kommt ein Geröllfeld, an dessen Ende sich der Weg endgültig verläuft. Wir müssen alles zurück und verlieren so gut eine Stunde an Zeit und viel Kraft. Über einen weiteren, gelb markierten Weg finden wir schließlich zurück auf den GRP und versuchen uns zu beeilen, denn es zieht sich schon wieder bedrohlich zu. Unser Etappenziel ist noch gute 3 Stunden entfernt und so lässt es sich nicht verhindern, dass wir von einem Gewitter mit Graupelschauer eingeholt werden. Wir steuern eine, knapp eine halbe Stunde entfernte, Schutzhütte an, um uns in Sicherheit zu bringen. Bei einem Tee warten wir das Unwetter ab und schmökern im Hüttenbuch. Hier beschreiben zwei Wanderer den ebenfalls vergeblichen Versuch den Weg weiter oberhalb zu benutzen. Im Gegensatz zu uns sind sie jedoch nicht umgekehrt, sondern haben sich auf dem letztem Stück den Hang hinab gekämpft. Dies empfehlen sie jedoch keinem. Nachdem das Gewitter durchgezogen ist, machen wir uns wieder auf den Weg. Es geht leider wieder weit ins Tal, da eine tiefe Schlucht die direkte Passage auf den nächsten, unseren letzten, Berg nicht möglich macht. In dem Abendstunden machen wir schließlich nochmal gute 500 Höhenmeter auf ein Plateau, was morgen dann als Ausgangspunkt für die Gipfelbesteigung dienen soll. Die große Berghütte hat schon geschlossen, doch das Winterquartier ist auch hier geöffnet. Vor dem Haus steht ein Raummeter Holz, der sicherlich nicht für uns bestimmt ist, doch wir nutzen einige Scheite um ein Feuer im Kamin zu entzünden. Kurz nach uns kommt Pärchen an der Hütte an. Er ist aus Spanien, Sie aus den USA und beide haben sich beim wandern auf dem Camino kennengelernt. Es ist sternenklar. Ohne Feuer wäre es sicherlich bitterkalt. Hoffentlich brennt es noch lange.

Tag 18

  • 42.50273°, 1.51535°, 1021m
  • 07/10/2016

Die Welt ist klein

Das Feuer im Kamin brennt erstaunlich lang. Erst gegen morgen muss der Schlafsack dann doch komplett zugezogen werden. Ausgerechnet die Dame aus LA schnarcht fürchterlich. Am Morgen ist der ganze Boden bedeckt mit Raureif und das strohige Gras glänzt in der aufgehenden Sonne. Die beiden anderen Übernachtungsgäste brechen gegen 9 Uhr ohne ein Frühstück auf. Wir genehmigen uns am letzten Tag Kakao, Kaffee und Porridge und machen uns dann mit leichtem Gepäck auf in Richtung Gipfel. Wir müssen zunächst noch das Hochplateau, auf dem die Hütte steht überqueren, bevor es über Serpentinen immer näher an den Hauptgrat des Coma Pedrosa Gebirgszugs geht. Auf 2400 Metern Höhe wird der Berg fast vollständig vegetationslos. Der Weg zum Gipfel verläuft dieses Mal vollständig über den relativ breiten und felsigen Grat. Es gilt insgesamt vier kleinere Spitzen zu übersteigen, bevor der eigentliche Gipfel in Angriff genommen werden kann. Wir profitieren ein bisschen davon, dass große Teile des Bodens so früh am Morgen noch gefroren sind und das Laufen so leichter fällt. Hannah lässt auf halben Weg ihre Stöcke zurück, da sie ohne besser klettern kann. Ich selbst lege meine erst für den Gipfelaufstieg beiseite, da hier nun wirklich beide Hände gut gebraucht werden können. Das Wetter hätte nicht besser sein können. Der Ausblick ist fantastisch. Wir stehen inmitten eines riesigen Gebirges voller Berge, von denen nur eine Handvoll noch höher ist als dieser bezwungene. Der Abstieg verläuft leider unglücklich und ich verletze mich am Knie. Der Weg zurück zur Hütte und dann noch weiter hinunter ins Tal verläuft entsprechend langsam und nur unter Schmerzen. Auf halben Weg dope ich mich noch einmal mit Schmerzsalbe, als unter lautem Getöse direkt vor uns wieder dieser gelbe Hubschrauber landet. Dieses Mal setzt er vermutlichen einen Geologen und Handwerker für die Hütte hab. Ersterer verschwindet kurz nach Ankunft mit einer Spitzhacke über der Schulter in Richtung Berg. Der Pilot winkt, ich Filme und schon ist der Hubschrauber wieder verschwunden. Unten im Tal angekommen verpassen wir auch noch knapp den wohlmöglich einzigen Bus, da mir rennen nicht möglich ist. Frustriert überqueren wir dennoch die Straße um einen Blick auf den Fahrplan zu werfen, als wir plötzlich von hinten angehupt werden. Es ist Charlie, der Schottische Bergführer. Er ist auf dem Weg zu einem Abendessen mit Bekannten und fährt uns vorher freundlicher Weise noch bis zu unserem Hotel in Andorra da Vella. Zwei Sterne wirken wie der reinste Luxus nach fast drei Wochen Wildnis. Endlich wieder duschen und schlafen in einem richtigen Bett. Wir laufen noch kurz durch die Stadt um uns die Bustickets nach Barcelona sowie etwas zu Essen zu besorgen. Frisch gewaschen ziehen wir morgen unsere besten Sachen an. Also die, die noch nicht ganz so extrem stinken. Zumindest glauben wir das. Man gewöhnt sich mit der Zeit an diese Mischung aus Schweiß und Rauch.

Tag 19

  • 49.11433°, 6.18222°, 200m
  • 09/10/2016

Abreise

Der Wecker klingelt schon um halb 5. Wir packen unsere restlichen Sachen ein, checken bei dem sichtlich müden Nachtportier aus und machen uns auf den Weg, durch ein fast menschenleeres Andorra da Vella. Der erste Bus bringt uns lediglich über die Grenze nach Spanien, wo wir auf dem Weg nach Barcelona noch einmal umsteigen müssen. Der zugestiegene Beamte dreht nur eine kurze Runde durch den Bus und lässt seine Blicke über das Gepäck schweifen, bevor er wieder aussteigt, sich eine Zigarette anzündet und uns durchwinkt. Die nächsten drei Stunden klappern wir dann in einem etwas älteren Bus die Bergdörfer auf dem Weg in die Stadt ab. Ich glaube ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen derart gewissenhaften Busfahrer erlebt. Noch vor Abfahrt nimmt er sich viel Zeit seinen Sitz, das Lenkrad und die Spiegel perfekt einzustellen. Er hat in seiner sehr ordentlichen Uniform sogar ein extra Tuch dabei, mit dem er alles noch einmal sauber macht. Dazu kommt der sehr freundliche und zuvorkommende Umgang mit den Fahrgästen und der außergewöhnlich konzentrierte Fahrstil. Mit dem würde ich jederzeit wieder fahren. In Barcelona angekommen haben wir drei Stunden Aufenthalt am Busbahnhof Nord. Wir schlagen die Zeit in einem angrenzenden Café tot und beobachten das morgendliche Treiben rund um die anliegenden Parks. Bei Cola und Kaffee schreiben wir eine Liste all der Dinge die auf der Tour gefehlt haben, nicht richtig funktionierten, zu schwer oder sogar überflüssig waren. Einsparpotential gibt es eigentlich immer. Der dritte und letzte Bus kommt pünktlich. Ein Doppeldecker, bei dem wir die Plätze in der ersten Reihe oben ergattern. Jetzt sind es nur noch knapp 20 Stunden Fahrt und wir sind wieder zuhause. Oder zumindest fast. Eine Fahrt mit der KVB von Bonn nach Köln steht noch aus.

Fotos

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